Wem gehört dein (digitales) Leben?

Ich habe letztens meine Fotos gesucht. Die von 2018. Urlaub in Norwegen. Ich wusste, ich hatte sie irgendwo.

Google Photos. Ich öffne die App, ich scrolle, ich suche. Da sind sie. Ich tippe auf ein Bild.

Bitte melde dich an.

Ich melde mich an. Ich akzeptiere die neuen Nutzungsbedingungen. Ich akzeptiere die Datenschutzrichtlinie. Ich akzeptiere etwas, das ich nicht lese, weil es niemand liest. Ich will nur meine Fotos sehen.

Meine Fotos.

Sind es meine Fotos?

Sie liegen auf einem Server. Der Server gehört Google. Google entscheidet, ob ich Zugang habe. Google entscheidet, wie lange. Google entscheidet, was mit ihnen passiert.

Ich habe die Fotos gemacht. Aber ich besitze sie nicht.

Dazu eine Frage:

Was besitzt du wirklich?

Deine E-Mails liegen bei Gmail. Deine Dokumente liegen bei Dropbox. Deine Musik liegt bei Spotify. Deine Filme liegen bei Netflix. Deine Nachrichten liegen bei WhatsApp. Deine Erinnerungen liegen bei Instagram.

Du hast Zugang. Solange du zahlst. Solange du dich an die Regeln hältst. Solange die Firma existiert. Solange jemand entscheidet, dass du Zugang haben darfst.

Du bist Mieter in deinem eigenen Leben.

Der Mensch als Datensatz:

Google weiß, wo du warst. Jeder Schritt, jede Fahrt, jedes Mal als dein Handy ein WLAN gesehen hat.

Google weiß, was du gesucht hast. Jede Frage, jede Angst, jede Peinlichkeit.

Google weiß, mit wem du schreibst. Nicht den Inhalt, sagen sie. Nur wann, wie oft, wie lange.

Sie wissen mehr über dich als du selbst. Du erinnerst dich nicht, was du am 14. März 2021 gemacht hast. Google schon.

Und es ist nicht nur Google. Es ist Apple. Es ist Microsoft. Es ist Amazon. Es ist jede App, die Zugriff auf irgendwas will.

Du bist kein Kunde. Du bist das Produkt. Das haben wir tausendmal gehört. Wir nicken und machen weiter. Was sollen wir auch tun?

Ein alter Schuhkarton:

Irgend eine Großmutter hat Fotos in einem Schuhkarton. Schwarzweiß, vergilbt, manche beschädigt. Sie gehören ihr. Niemand kann ihr den Zugang verweigern. Niemand kann sie löschen. Niemand weiß, dass sie existieren.

Sie braucht kein Passwort. Sie braucht keine Internetverbindung. Sie braucht keine Zustimmung.

Sie macht den Karton auf und schaut.

So einfach ist das. So einfach war das.

Ein eigener Server:

Ein Raspberry Pi kostet 50 Euro. Eine Festplatte 80. Ein Nachmittag Einrichtung. Dann gehören dir deine Daten.

Deine Fotos auf deiner Festplatte. Deine E-Mails auf deinem Server. Deine Dokumente in deinem Haus.

Niemand kann dir den Zugang verweigern. Niemand kann die Nutzungsbedingungen ändern. Niemand liest mit.

Es ist unbequemer. Es ist langsamer. Es braucht Wissen und Zeit.

Aber es gehört dir.

Die Frage ist nicht, ob du etwas zu verbergen hast. Die Frage ist, ob du etwas besitzen willst.

Die Großmutter versteht das mit dem Internet nicht. Aber sie versteht, dass ihre Fotos in ihrem Schuhkarton liegen. In ihrem Haus. Unter ihrer Kontrolle.

Wir haben Zugang zu allem. Wir besitzen nichts.

Vielleicht sollten wir das ändern.