Licht

Ich schreibe viel über das, was falsch läuft. Über Abhängigkeiten und Überwachung, über Komplexität und Kontrolle. Über den Verfall dessen, was einmal gut war.

Das ist die halbe Wahrheit.

Es gibt eine andere Hälfte.

Das Prinzip:

Wo Schatten wächst, wächst auch Licht.

Je mehr sie kontrollieren wollen, desto mehr Menschen fragen sich, warum. Je mehr sie überwachen, desto mehr lernen, sich zu schützen. Je mehr sie einzäunen, desto mehr suchen den Ausgang.

Die EU will Chatkontrolle. Sie wollen jede Nachricht scannen, jeden Gedanken filtern, jedes Gespräch belauschen. Im Namen der Sicherheit, wie immer.

Und was passiert? Menschen, die nie über Verschlüsselung nachgedacht haben, denken über Verschlüsselung nach. Signal wächst. Matrix wächst. Das Bewusstsein wächst.

Sie säen Kontrolle und ernten Widerstand.

Thompson's Compiler:

1984 hielt Ken Thompson eine Rede. Er zeigte, wie man einen Compiler so manipuliert, dass er Hintertüren einbaut. Nicht im Quellcode. Im Compiler selbst. Der Quellcode sieht sauber aus. Das kompilierte Programm ist kompromittiert.

Die Lektion war düster: Du kannst niemandem vertrauen. Nicht dem Code, nicht dem Compiler, nicht der Maschine.

Aber die Lektion hatte eine zweite Seite: Menschen begannen, Compiler zu prüfen. Reproducible Builds entstanden. Projekte, die sicherstellen, dass derselbe Quellcode immer dasselbe Ergebnis erzeugt. Vertrauen durch Verifizierung.

Thompson zeigte die Dunkelheit. Die Dunkelheit brachte Licht hervor.

Das Wachstum:

Quelloffene Software wächst. Nicht weil jemand es angeordnet hat. Weil Menschen es wollen.

Linux läuft auf mehr Geräten als je zuvor. Nicht nur auf Servern. Auf Telefonen, auf Uhren, in Autos, auf allem, was rechnet. Der Kernel ist offen. Jeder kann ihn lesen. Jeder kann ihn prüfen.

Firefox existiert noch. LibreOffice existiert noch. Blender existiert nicht nur noch, es gedeiht. Krita. Inkscape. GIMP. Werkzeuge, die niemandem gehören außer allen.

Das war nicht selbstverständlich. Das war nicht vorherbestimmt. Menschen haben das gebaut. Freiwillig. Unbezahlt. Weil sie glaubten, dass es richtig ist.

Das ist Licht.

Der Ausbruch:

Vendor Lock-in war der Plan. Du benutzt unsere Software, unsere Cloud, unser Format. Du kannst nicht weg. Du bist gefangen.

Aber die Mauern haben Risse.

Open Document Format existiert. Markdown existiert. Standardisierte Protokolle existieren. Matrix föderiert, während Slack isoliert. Mastodon wächst, während Twitter verbrennt.

Nicht schnell. Nicht genug. Aber die Richtung stimmt.

Jedes Mal, wenn eine Firma zu weit geht, wandern Nutzer ab. Nicht alle. Nie alle. Aber genug.

Adobe erhöht die Preise. Menschen entdecken Krita. Google liest mit. Menschen entdecken ProtonMail. Microsoft zwingt Updates auf. Menschen entdecken Linux.

Die Überheblichkeit der Konzerne ist ihr eigener Feind. Sie können nicht anders. Sie müssen immer mehr wollen. Und je mehr sie wollen, desto mehr Menschen sagen: Nein.

Die Perspektive:

Ja, es gibt Überwachung. Mehr als je zuvor.

Und es gibt mehr Menschen, die sich dagegen wehren. Mehr als je zuvor.

Ja, es gibt Komplexität. Sinnlose, erdrückende Komplexität.

Und es gibt eine wachsende Bewegung, die Einfachheit fordert. Suckless. Die Unix-Philosophie. Ein Werkzeug, ein Zweck.

Ja, es gibt Abhängigkeit. Von Clouds, von Konzernen, von Code, den niemand versteht.

Und es gibt Menschen, die ihre eigenen Server betreiben. Ihre eigenen Werkzeuge bauen. Ihre eigenen Wege gehen.

Für jeden, der aufgibt, gibt es einen, der anfängt.

Das Gleichgewicht:

Je schlimmer es wird, desto mehr Menschen wachen auf. Je enger die Kontrolle, desto stärker der Wunsch nach Freiheit. Je absurder die Komplexität, desto klarer der Ruf nach Einfachheit.

Das ist kein Trost. Trost wäre: Es wird schon werden. Das sage ich nicht.

Es wird, was wir daraus machen. Nicht mehr. Nicht weniger.

Aber die Werkzeuge existieren. Die Menschen existieren. Die Ideen existieren.

Das ist mehr, als wir manchmal glauben.

Und das ist Licht.