Let go

Es gibt Momente, in denen alles zerbricht.

Eine Trennung. Eine Kündigung. Eine Diagnose. Der Anruf, den niemand bekommen will. Der Moment, in dem das Leben, das du dir aufgebaut hast, aufhört zu existieren.

Das ist nicht metaphorisch. Das ist nicht dramatisch. Das passiert. Jeden Tag. Jedem irgendwann.

Und dann?

Der Abgrund:

Viktor Frankl war Psychiater. 1942 wurde er nach Auschwitz deportiert. Seine Frau starb. Seine Eltern starben. Sein Bruder starb. Alles, was er hatte, wurde ihm genommen.

Er überlebte.

Später schrieb er ein Buch. Der Titel: Trotzdem Ja zum Leben sagen.

Das ist keine Platitüde. Das ist keine Selbsthilfe. Das ist ein Mann, der durch die Hölle ging und auf der anderen Seite etwas fand, das nicht zerstört werden konnte.

Er schrieb: Wer ein Warum hat, erträgt fast jedes Wie.

Das klingt einfach. Es ist das Schwerste, was es gibt.

Keine Esoterik:

Ich rede nicht von positivem Denken. Nicht von Manifestation. Nicht von der Idee, dass das Universum dir gibt, was du dir wünschst, wenn du nur fest genug daran glaubst.

Das ist Unsinn. Das Leben ist nicht fair. Das Universum ist gleichgültig. Schlechte Dinge passieren guten Menschen. Daran ändert kein Gedanke etwas.

Aber es gibt etwas anderes. Etwas, das keine Esoterik braucht, weil es beobachtbar ist.

Menschen wachsen an dem, was sie bricht.

Nicht alle. Nicht immer. Nicht automatisch. Aber oft genug, dass es kein Zufall sein kann.

Der Bruch:

Eine Scheidung zerstört ein Leben. Sie zwingt dich, alles neu zu denken. Wer du bist ohne den anderen. Was du willst. Was du brauchst.

Das ist brutal. Das ist schmerzhaft. Das ist auch eine Chance, die du dir nie gegeben hättest.

Ein Schicksalsschlag reißt den Boden weg. Du fällst. Du weißt nicht, wo unten ist.

Und irgendwann, wenn du aufhörst zu fallen, merkst du: Du bist noch da. Verändert. Vielleicht beschädigt. Aber da.

Das ist nicht Optimismus. Das ist Beobachtung. Menschen überleben Dinge, die sie für unüberlebbar hielten. Und manchmal, nicht immer, aber manchmal, werden sie dabei mehr als sie vorher waren.

Der Fluss:

Es gibt ein Bild, das mir hilft.

Du stehst am Fluss. Das Wasser fließt vorbei. Du siehst Dinge treiben. Schöne Dinge, hässliche Dinge. Momente des Glücks, Momente des Schmerzes. Sie kommen, sie gehen, sie verschwinden um die Biegung.

Du kannst ins Wasser springen. Du kannst versuchen, die schönen Dinge festzuhalten, die hässlichen wegzustoßen. Du wirst kämpfen. Du wirst erschöpfen. Du wirst untergehen.

Oder du kannst am Ufer stehen. Beobachten. Die Dinge kommen lassen und gehen lassen. Wissen, dass alles vorbeifließt. Das Gute und das Schlechte.

Das ist keine Passivität. Das ist Perspektive.

Der Schmerz ist real. Der Verlust ist real. Und er wird vorbeifließen. Nicht verschwinden. Vorbeifließen. Er wird Teil des Flusses, nicht mehr das ganze Wasser.

Das Wachstum:

Growth Mindset nennen sie es heute. Als wäre es eine Entdeckung. Als hätten wir nicht seit Jahrtausenden gewusst, dass der Mensch an seinen Widerständen wächst.

Die Idee ist simpel: Du bist nicht fertig. Du warst nie fertig. Du wirst nie fertig sein.

Jede Hürde ist ein Angebot. Nicht ein Geschenk, nicht ein Segen, nichts, wofür du dankbar sein musst. Ein Angebot. Du kannst es annehmen oder nicht.

Annehmen heißt: fragen, was das hier dich lehren kann. Nicht im Moment. Im Moment darfst du zusammenbrechen. Aber irgendwann, wenn der erste Schmerz nachlässt, fragen: Was jetzt?

Was jetzt ist nicht was vorher. Was vorher existiert nicht mehr. Es gibt nur was jetzt.

Die Wahl:

Du kannst nicht wählen, was dir passiert. Du kannst wählen, was du daraus machst.

Das ist keine Freiheit, die sich gut anfühlt. Es ist eine Freiheit, die wehtut. Die Verantwortung bedeutet. Die keine Ausreden zulässt.

Frankl hatte jede Ausrede. Jedes Recht, aufzugeben. Niemand hätte es ihm vorgeworfen.

Er hat trotzdem Ja gesagt.

Nicht weil er musste. Weil er wählte.

Das ist alles, was wir haben. Die Wahl. Nicht was passiert. Was wir damit tun.

Der Fluss fließt. Die Dinge kommen und gehen. Manche zerbrechen uns.

Und dann stehen wir auf. Oder wir stehen nicht auf.

Aber die Möglichkeit aufzustehen, die bleibt. Immer.

Das ist keine Esoterik. Das ist das Leben.

Sag trotzdem Ja.