Der Zuwachs
Sie kommen. In Scharen, langsam aber stetig. Von Windows, von macOS, von der Welt der Dinge, die einfach funktionieren, solange man nicht fragt wie.
Sie kommen zu Linux.
Das ist gut. Das ist auch ein Problem.
Was ist Linux eigentlich?
Die Frage klingt banal. Jeder weiß, was Linux ist. Ein Betriebssystem. Eine Alternative zu Windows. Das Ding mit dem Pinguin.
Nur stimmt das nicht.
Linux ist ein Kernel. Nichts weiter. Ein Stück Software, das zwischen der Hardware und allem anderen vermittelt. Es verwaltet Speicher, es verteilt Rechenzeit, es spricht mit Festplatten und Netzwerkkarten. Das ist alles.
Was die meisten Menschen Linux nennen, ist eine Distribution: jemand hat den Kernel genommen, Programme drumherum gepackt, Entscheidungen getroffen, wie das alles zusammenspielen soll, und dem Ganzen einen Namen gegeben. Ubuntu. Fedora. Debian. Arch.
Der Kernel ist derselbe. Alles andere ist Entscheidung.
Das ist der Punkt, den die Neuankömmlinge nicht verstehen. Sie denken, sie wechseln von einem Betriebssystem zu einem anderen. In Wahrheit betreten sie ein Ökosystem, in dem nichts festgelegt ist. In dem alles Entscheidung ist. In dem Freiheit bedeutet, selbst entscheiden zu müssen.
Das überfordert. Verständlicherweise.
Die Windows-Erwartung:
Ein Windows-Nutzer erwartet, dass Dinge funktionieren. Nicht weil er faul ist. Weil er es so gelernt hat. Da ist ein Startmenü. Da sind Programme. Man klickt, es passiert etwas. Die Frage nach dem Wie stellt sich nicht, weil sie sich nie stellen musste.
Dann kommt dieser Mensch zu Linux und findet: nichts. Oder alles, was auf dasselbe hinausläuft.
Welche Distribution? Welcher Desktop? Welcher Paketmanager? Welches Init-System? Fragen über Fragen, und jede Antwort öffnet zehn neue.
Die Community sagt: Das ist Freiheit. Der Neuankömmling sagt: Das ist Chaos.
Beide haben recht.
Die Anpassung:
Also passt man sich an. Nicht der Neuankömmling an Linux. Linux an den Neuankömmling.
Systemd kam und fragte nicht. Es übernahm das Init-System, dann die Logs, dann die Netzwerkkonfiguration, dann alles andere, was nicht schnell genug weglief. Ein Projekt, das alles vereinheitlichen wollte. Das Entscheidungen abnehmen wollte. Das Windows-Nutzer nicht überfordern wollte.
Die Oberflächen wurden freundlicher. Die Installer wurden einfacher. Die Fragen wurden weniger.
Das klingt nach Fortschritt. Vielleicht ist es Verfall.
Denn was passiert, wenn man Entscheidungen abnimmt? Man nimmt Verstehen ab. Man nimmt Verantwortung ab. Man nimmt genau das ab, was Linux von Windows unterschied.
Die Windows-Fizierung:
Schau dir ein modernes Ubuntu an. Ein Panel unten, Icons drauf, ein App-Menü links. Das kennst du. Das soll beruhigen.
Unter der Oberfläche: Snap-Pakete, die sich selbst updaten, ohne zu fragen. Telemetrie, die man abschalten muss, statt einschalten zu können. Entscheidungen, die jemand anderes getroffen hat.
Das ist Windows. Mit anderem Kernel.
Die Ironie ist bitter: Menschen fliehen von Windows, weil sie die Kontrolle verloren haben, weil Updates sich aufzwingen, weil Telemetrie nicht aufhört, weil jemand anderes entscheidet. Und sie landen bei Distributionen, die genau das nachbauen.
Sie tauschen einen Käfig gegen einen anderen. Der neue hat einen Pinguin drauf.
Das Problem:
Das Problem ist nicht Systemd. Nicht Ubuntu. Nicht GNOME. Das sind Symptome.
Das Problem ist die Annahme, dass Einfachheit bedeutet, Entscheidungen zu verstecken. Dass benutzerfreundlich bedeutet, den Benutzer zu entmündigen. Dass Wachstum bedeutet, so zu werden wie das, wovon die Menschen fliehen.
Linux war nie einfach. Es war verständlich. Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Einfach heißt: Du musst nicht wissen, was passiert. Verständlich heißt: Du kannst wissen, was passiert, wenn du willst.
Einfach nimmt Freiheit. Verständlich gibt sie.
Wohin geht die Reise?
Ich weiß es nicht. Niemand weiß es.
Ein Teil von Linux wird Windows werden. Für die Massen. Für die, die nicht fragen wollen. Das ist vielleicht in Ordnung. Vielleicht braucht die Welt ein besseres Windows.
Ein anderer Teil wird bleiben, was es war. Für die, die verstehen wollen. Für die, die Verantwortung nicht fürchten. Für die, die wissen, dass der Kernel nur der Anfang ist und alles andere Entscheidung.
Die Frage ist nicht, wohin Linux geht.
Die Frage ist, wohin du gehst.
Zu den Entscheidungen, die andere für dich treffen? Oder zu denen, die du selbst triffst?
Der Zuwachs ist da. Die Menschen kommen.
Die Frage ist, was sie finden werden. Freiheit oder eine neue Art von Käfig.
Das entscheiden nicht sie. Das entscheiden wir. Die, die schon hier sind. Die, die bauen.
Was bauen wir?